Als Grossmami trage ich einen Schatz in mir, den nur das Leben selbst schenken kann: Erfahrung. Nicht nur Erfolgserlebnisse und Erkenntnisse, sondern insbesondere auch Fehler, Irrwege und Niederlagen. Letztere tragen erfahrungsgemäss grosse Lehren in sich.
Das Herz möchte schützen
Mit meinem tiefmenschlichen Mami- / Grossmamiherz möchte ich die Menschen, die ich liebe, glücklich sehen. Gerade deshalb war ich in Beziehungen – besonders in der Erziehung meiner Kinder – immer wieder versucht, Hindernisse aus dem Weg zu räumen, statt beim Darüberklettern zu helfen. Ich wollte beschützen, statt begleiten. Für andere da sein, statt darauf zu vertrauen, dass sie ihren Weg auch allein finden können. Bis meine erwachsenen Kinder «stopp» riefen. Das hat mir die Augen geöffnet.
Das Herz möchte schützen, Schmerz fernhalten und alles richtig machen. Doch genau darin liegt eine Gefahr.
Das Recht scheitern zu dürfen
Stell dir einen klaren, blauschimmernden Bergsee vor. Still ruht er in seinem Bett, umrahmt von majestätischen Bergen. Seine Oberfläche ist glatt, unberührt, makellos. Alles wirkt friedlich und harmonisch. Man möchte sich gerne an seinem Ufer ausruhen.
Dieser Bergsee steht für den Wunsch, alles konfliktfrei zu halten.
„Du bist wunderbar, alles ist gut“, sagen wir, um Harmonie zu bewahren, um zu trösten oder ein gutes Gefühl zu geben. Doch wo keine Reibung ist, fehlt oft Tiefe. Wenn wir jedem Stolperstein ausweichen, nehmen wir uns die Chance zu scheitern, zu lernen und an Widerständen zu wachsen.
Dem Bergsee gegenüber steht die tiefe Schlucht. Zwischen steilen Felswänden schiesst das Wasser tosend hindurch – laut, kraftvoll und unerbittlich. Es gibt kaum Raum zum Ausweichen. Diese Schlucht steht für den Drill.
„Ich weiß es besser.“ | „Du musst es so machen.“ Hier wird Leben fremdbestimmt.
In beiden Extremen – ob durch übertriebene Harmonie oder durch strikte Führung – wird dem Menschen etwas Wesentliches genommen: das Recht auf die eigene Erfahrung und Entfaltung. Einschliesslich des Rechts zu scheitern.
Man bewertet stets aus seinen eigenen Lebenserfahrungen
Zugegeben. Es braucht viel innere Stärke und Mut zuzusehen, wenn ein geliebter Mensch Entscheidungen trifft, die aus eigener Perspektive zu schmerzhaften Erfahrungen führen.
Schlussendlich sind es aber unsere eigenen Lebenserfahrungen, die in „gut“ und „schlecht“ bewerten – das Gegenüber wertet vielleicht völlig anders.
Was ich als Fehler sehe, kann für einen anderen eine notwendige Lektion sein.
Konstruktive Streitkultur
Das fehlende Puzzleteil zwischen Bergsee und Schlucht heisst für mich: konstruktive Streitkultur. Ich sehe sie als Basis für jede echte, vertrauensvolle und ehrliche Beziehung
Psychologisch betrachtet entstehen gesunde Beziehungen nicht durch Konfliktvermeidung, sondern durch die Fähigkeit, Konflikte konstruktiv auszutragen.
Konflikte sind kein Zeichen von Scheitern, sondern von Lebendigkeit. Entscheidend ist nicht, ob wir streiten, sondern wie.
Konstruktive Streitkultur bedeutet, Spannung auszuhalten, ohne den anderen abzuwerten.
Sie bedeutet:
- zuhören, um zu verstehen, statt nur zu antworten
- Gefühle benennen, ohne Vorwürfe
- Grenzen setzen, ohne Liebe zu entziehen
- anderer Meinung sein und dennoch verbunden bleiben
Wahre Reife zeigt sich darin, gleichzeitig bei sich selbst und in Beziehung zu bleiben.
Streit aktiviert oft alte Muster: kämpfen, fliehen oder erstarren. Manche werden laut, andere ziehen sich zurück, wieder andere glätten alles sofort, um Harmonie herzustellen.
Doch Wachstum entsteht genau in diesem Zwischenraum. Wenn ich sagen kann: „Ich sehe es anders.“| „Ich bin verletzt.“ | „Ich bin nicht einverstanden.“ und die Beziehung dennoch halte!
Dann wird Reibung nicht zerstörerisch, sondern formend. Wie ein Fluss, der mäandern darf und damit lebendige und einzigartige Landschaften formt – im Wechsel von Stille und Bewegung, von Entfaltung und Widerstand.
Wenn wir diese Reibung zulassen, sagen wir damit vielleicht das Wichtigste überhaupt:
Du bist mir wichtig. Und ich traue dir zu, deinen eigenen Weg zu finden.












