Was ist Zeit

Was ist Zeit? Ein Blick auf Relativität, Quantenphysik und erstaunliche persönliche Erfahrungen - die wissenschaftlich erklärbar sind.
Sonnenaufgang und Mond über den Wolken sichtbar

Wenn die Zeit stillsteht – eine wahre Geschichte

Es war ein früher Morgen auf dem Weg zur Arbeit. Die Dunkelheit lag noch über den Strassen, als ich mich mit meinem Auto mit 80 km/h dem gewohnten Bahnübergang näherte. Die Bahnstrecke führt bei diesem Strassenabschnitt in einem Bogen hinter einer Reihe von massiven Industriegebäuden durch, was den Blick auf einen herannahenden Zug versperrt. Daher ist die Strasse durch Bahnschranken gesichert. Dass diese offenstanden, versprach freie Durchfahrt für mich und die Fahrzeuge hinter mir.

Doch bevor ich an jenem Morgen den Bahnübergang erreichte, geschah etwas Aussergewöhnliches: Ich sah durch die Gebäude hindurch drei Lichter eines herannahenden Zuges.

In dem Moment verlangsamte sich die Welt um mich herum drastisch und ich spürte eine tiefe, absolute Gewissheit: Der Zug kommt jetzt.

Gefühlt hatte ich unendlich viel Zeit. Ruhig und überlegt tippte ich mehrfach die Bremse an, um dem nachfolgenden Fahrzeug mein «unbegründetes» Anhalten vor der offenen Bahnschranke zu signalisieren. Die Barriere war nach wie vor offen, als der Zug Sekunden später vor mir über die Strasse rauschte und eine Notbremsung einleitete. Erst als der Lokführer ausstieg und mir erleichtert zunickte, setzte bei mir das körperliche Zittern ein.

 

Tönt unglaublich – doch das Phänomen ist wissenschaftlich erklärbar!

Die Erklärung, warum ich „durch die Gebäude sah“:

Unser Gehirn arbeitet nicht passiv wie eine Kamera, die erst aufnimmt, wenn ein Bild da ist. Stattdessen fungiert es als aktive „Vorhersagemaschine“ (Predictive Coding). Es kombiniert ständig winzige, oft unbewusste Sinnesreize – wie eine leichte Vibration, einen reflektierten Lichtschimmer oder ein entferntes Geräusch –, um ein Modell der unmittelbaren Zukunft zu berechnen. Was wir als unsere aktuelle Wahrnehmung erleben, ist in Wahrheit das Ergebnis dieser Berechnung. Dh mein Gehirn hat das Bild des Zuges erzeugt bevor es physikalisch sichtbar war.

 

Warum sich die Zeit in diesem Moment gedehnt anfühlte:

In Situationen hoher Alarmbereitschaft schaltet die Amygdala (ein für die emotionale Bewertung zuständiger Bereich im Gehirn) das Gedächtnissystem auf höchste Aufnahmefrequenz. Während wir im Alltag meist nur grobe Stichproben speichern, werden in solchen Momenten extrem viele Details pro Sekunde abgespeichert. Und da unser Gehirn die Dauer eines Ereignisses anhand der Menge der gespeicherten Informationen bemisst und nicht anhand der Uhrzeit, erscheint ein solcher dicht gepackter Moment subjektiv stark verlangsamt. Es ist keine Zeitdehnung in der Realität, sondern eine Verdichtung der Erinnerung.

 

Was ist Zeit

Die Physik ist sich hier keineswegs einig – genau das macht sie interessant:

  • Die Relativitätstheorie zeigt: Zeit ist keine starre Grösse, sondern dehnt oder staucht sich je nach Geschwindigkeit und Schwerkraft. Nahe einem massereichen Schwarzen Loch kann eine einzige Stunde vergehen, während auf der Erde Jahre oder gar Jahrzehnte verstreichen.

 

  • Blockuniversum: Für viele Interpreten der Relativitätstheroie sind Raum und Zeit ein vierdimensionales Gefüge, in dem Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gleich real und feststehend nebeneinander bestehen – ähnlich wie verschiedene Orte auf einer Landkarte. In dieser Sichtweise existiert alles gleichzeitig; es gibt kein Werden oder Vergehen, sondern nur ein ewiges „Sein“.

 

  • Präsentismus: Die philosophische Gegenposition hält dagegen: Nur die Gegenwart ist real, Vergangenheit und Zukunft existieren nicht mehr bzw. noch nicht. Beide Modelle sind mit der Relativitätstheorie vereinbar – welches „stimmt“, ist bis heute ungeklärt.

 

  • Quantenphysik: Auf kleinster Ebene wird die Trennung von „vorher“ und „nachher“ zusätzlich unscharf. Sie zeigt insbesondere, wie tief Teilchen über Raum und Zeit hinweg verbunden sein können.

 

Einig sind sich alle in dem Punkt, dass Zeit nicht einfach ein Zeitstrahl ist, wie ihn unser Alltag suggeriert. 

 

Zeit ist relativ

Dass Zeit auch in unserer gewohnten Masseinheit relativ ist, zeigt ein simples Beispiel: Ein Tag ist für eine Eintagsfliege ein ganzes Leben, während unsere 80 Jahre für das Universum kaum mehr als ein Wimpernschlag ist.

 

«Vergangenheit» und «Zukunft»

Ja, wir alle haben Erlebnisse im Gestern, die wir abrufen können. Ist das ein Beweis von Vergangenheit?

Was die Wissenschaft dazu sagt: Seit den Arbeiten von Karim Nader und Kollegen (ab 2000) weiss man: Jedes Mal, wenn ein Gehirn eine Erinnerung abruft, wird sie biologisch kurzzeitig wieder instabil und muss neu „verfestigt“ werden. In diesem Fenster kann sie sich mit dem aktuellen Wissen, der Stimmung oder neuen Informationen vermischen.

Erinnerung ist also nicht nur psychologisch, sondern neurobiologisch nachweisbar formbar – bei jedem einzelnen Abruf. Gut belegt ist zudem, dass das Gefühl zu negativen Erinnerungen im Schnitt schneller verblasst als das zu positiven (Fading Affect Bias).

Beides zusammen zeigt: Das Gehirn setzt die Vergangenheit bei jedem Erinnern aktiv neu zusammen.

 

Und was ist mit der Zukunft? Ist sie schon geschrieben?

Mir am nächsten steht die Chaostheorie, die sagt, dass die «Zukunft» in jedem Moment durch das entsteht, was wir tun (oder nicht tun).

 

Zur Zukunft gibt es verschiedene Modelle.

Das sogenannte „Blockuniversum“ der Relativitätstheorie legt nahe, dass Zeit ein festes Gefüge ist, in dem alles bereits existiert.

Andere Modelle, insbesondere aus der Quantenphysik, widersprechen dem Schicksalsglauben fundamental:

Auf der Ebene der kleinsten Teilchen ist die Zukunft nicht festgelegt. Es existieren lediglich Wahrscheinlichkeiten. Erst durch Interaktion – durch unser Beobachten und Handeln – entscheidet sich, welche dieser Möglichkeiten zur Realität wird.

Auch die Chaostheorie zeigt uns: Wir leben in Systemen, in denen kleinste Entscheidungen im Jetzt riesige, unvorhersehbare Wirkungen entfalten können (der sogenannte Schmetterlingseffekt). Die Zukunft ist also kein fertiger Raum, den wir nur betreten, sondern sie emergiert – sie entsteht neu in jedem Moment durch das, was wir tun.

 

Mir gefällt der Gedanke, dass die Schöpfungskraft in uns selbst liegt

Ob wir heute Kartoffeln pflanzen oder den toten Baum dem Wald überlassen – beides sind  Entscheidungen, die eine spezifische Zukunft erst hervorbringen; eine Kartoffelernte und die Unterstützung der Biodiversität..

Mir gefällt der Gedanke, dass Zukunft kein Schicksal ist, sondern ein Feld unendlicher Möglichkeiten, das erst durch unsere Intention, unser Denken und unser Handeln im gegenwärtigen Augenblick seine konkrete Form annimmt.

Die Schöpfungskraft würde damit nicht einem äusseren Plan folgen, sondern in uns selbst liegen. Das wäre nicht nur ein Privileg, sondern allem voran eine Verantwortung. Jeder Gedanke, jede Handlung, jedes bewusste Nichthandeln wäre damit ein Pinselstrich auf der noch leeren Leinwand des Morgens.

 

Für mich ist Zeit ein Anker im Chaos

Für mich persönlich ist die Zeit, wie wir sie als Menschen messen, vor allem eines: Ein Anker im Chaos. Ohne dieses Mass, ohne diesen Taktgeber aus Sekunden und Stunden, würden wir vielleicht im unendlichen Chaos des Universums ertrinken. Die Zeit gibt uns eine Struktur, an der wir uns festhalten können. Und wenn ich an mein Erlebnis mit dem Zug denke, so könnte ich mir vorstellen, dass Zeit eine notwendige Verlangsamung des Universums ist, damit ein Er-leben für uns Menschen möglich ist – eine Masseinheit, die von unserem Bewusstsein erschaffen wird.

 

Abschliessend nehme ich dich nochmals in einen sehr persönlichen Moment mit:

Ich träumte, ich sei mit meiner Grossmutter wandern. Der Weg führte steil bergauf, und sie trug zwei unglaublich schwere Rucksäcke. Ich selbst hatte nichts zu tragen. Bei einem kleinen Bergrestaurant sagte ich zu ihr: „Mueti, zieh doch deine schweren Rucksäcke ab.“

Sie stellte die Lasten ab, setzte sich auf eine Bank, atmete tief durch und umarmte mich. Dann sagte sie: „Sandra, von hier an musst du alleine weitergehen.“

In diesem Traum überkam mich eine tiefe Trauer. Ich wusste: Dies ist ein Abschied. Eine Woche später starb meine Grossmutter.

War das ein Blick in die Zukunft? Oder ein Moment, in dem mein Bewusstsein die Grenzen der Zeit kurz überschritt, um eine Verbindung zu spüren, die jenseits von „Vorher“ und „Nachher“ liegt?

 

Nachtrag:

Als wir später an ihrem Grab standen und die Urne beisetzten, erschien es mir fast fremd, hier einen Menschen zu begraben. Mir war so klar, dass meine Grossmutter nicht in dieser Urne war. Der Staub mochte dort sein, aber ihr Wesen war in diesem Moment bereits gross und frei. So durfte ich es fühlen. 

Quellen: Predictive-Processing-Modell (Friston, Clark); Stetson, Fiesta & Eagleman (2007), PLoS ONE; zum Quanten-Radierer u. a. Sean Carroll; Nader, Schafe & LeDoux (2000) zur Gedächtnis-Rekonsolidierung; Walker & Skowronski zum Fading Affect Bias.

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